"Hundeleben" mit einer ganz anderen Bedeutung

Beinahe täglich erleben wir in unserem Job die skurrilsten und unfassbarsten Dinge, die den Rahmen jeder Zeitschrift um ein Vielfaches übersteigen würden. Stellvertretend für so viele, uns unverständlichen Dinge möchten wir heute über ein Ereignis aus jüngster Vergangenheit berichten. Es ist noch keine vier Wochen her, da erreichte uns ein Anruf des Bürgermeisters aus Lengenwang, der uns händeringend um Hilfe bei der Auflösung einer Tierhaltung bat, die ihm bereits seit Jahren ein Dorn im Auge war. Doch erst jetzt, da der Tierhalter schwer krank in stationäre Behandlung musste, sah sich die Gemeinde offensichtlich in der Lage etwas gegen diese bislang geduldete Tierhaltung zu unternehmen. Auch das Veterinäramt schaltete sich ein, um dem Drama, das auch hier bereits seit Jahren bekannt war ein Ende zu setzen.
Rinder, Hühner, Hasen, Hunde und Katzen bewohnten nun nach Verlassen des Besitzers alleine den Hof. Das Huf-, Federvieh und die Hasen, also alles, was man schlachten und somit noch "nutzen" kann, fand schnell eine Zufluchtsstelle in Wald. Doch um die restlichen Tiere wollte sich niemand kümmern. Da kam den verantwortlichen Personen das Tierheim in den Sinn. Da die bisherige Zusammenarbeit nicht gerade von goldenen Früchten gekrönt war, blieben wir auch in dieser Situation sehr skeptisch. Man teilte uns mit, das 2 große und ein kleiner Hund, alle "bissig", auf uns im Haus warten würden. Das Veterinäramt schaltete aufgrund der ausführlichen Beschreibung des Verhaltens der Hunde einen Polizeihundeführer aus Leutkirch ein, der bereits vermehrt Erfahrung mit Hunden dieses Kalibers hat. Doch da keine "Gefahr im Verzug" war, blieben die Tiere noch eine weitere Nacht sich allein überlassen in dem Haus zurück und die "Beschlagnahmung" wurde vertagt.

Hundeverschlag
Am nächsten Morgen machten wir uns bewaffnet mit Hundeführer, Tierarzt und jeder Menge Narkosemittel auf den Weg nach Lengenwang, die Tiere endlich aus Ihrer bereits seit Jahren andauernden, misslichen Lage durch eine Beschlagnahmung des Amt zu befreien. Doch es wartete nicht nur ein vor Angst keifender Dackel an einer 1.50 m kurzen Leine an einer Tür im Haus angebunden auf uns, nein hinter dieser Tür überraschten uns auch noch 10 halbverwilderte, sehr verängstigte Katzen, davon 2 frisch geboren. Die beiden Leonbergermischlinge erwiesen sich nach vorsichtigem Herantasten des sehr freundlichen und gefühlvollen Hundeführers als tollpatschig und überaus glücklich endlich Menschen zu Gesicht zu bekommen.
Keine Spur von der angekündigten Aggressivität, Unberechenbarkeit und Gefahr für Leib und Leben. Schwanzwedelnd konnten Sie nicht schnell genug aus dem verrümpelten Verschlag fliehen, trotz Tierarzt mit Impfspritze blieben Sie freundlich und für jeden zugänglich. Beim von Panik gepackten Dackel sah es schon etwas anders aus. Doch auch der musste sich bald unserer Übermacht in Form einer Narkose und Fangstange geschlagen geben.
Die Katzen wurden nach und nach aus ihrem vergitterten Verließ herausgefangen und zur tierärztlichen Erstversorgung in die Praxis gefahren. Doch trotz sofortiger Operationen kam für zwei der Stubentiger jede Hilfe zu spät. Mit einer bereits nach außen durchgebrochenen Bauchdecke und einem stark verkrebsten Unterbauch konnten sie nicht mehr gerettet werden. Sie wurden von ihren Qualen erlöst. Die anderen wurden nach dreiwöchiger Isolierung und intensiver Pflege "wieder hergestellt". Ein großes Problem blieben lange noch die beiden Babys, deren Mutter unter den beiden toten Tieren war. Doch nach Wochen des Flasche-Gebens wurden sie etwas amateurhaft aber mit viel Liebe von einer der anderen Kätzinnen "adoptiert".

"Katzenzimmer"

Jannik
Die beiden Leonberger Jonas und Jannik befinden sich heute noch wegen schweren Schäden der Ohren und des Gehörgangs in tierärztlicher Behandlung, doch auch bei ihnen ist eine Besserung in Sicht. Sie sowie auch der Dackel sind tolle Schmusebären geworden, die zu jeder Gelegenheit um ein paar Streicheleinheiten buhlen.

Jonas
Kurz vor Beginn der ganzen Aktion teilte uns das Veterinäramt mit, dass es sich hierbei nun doch nicht um eine Beschlagnahmung handle. Ein Vertreter des Tierhalters solle nun einen Pflegevertrag unterschreiben. Mittlerweile wurden die Tiere per telefonischer Mitteilung an uns übergeben. Ohne weitere Angaben. Na klar, wer will schon die ganzen Behandlungskosten für die "übrigen" Tiere tragen? Wir lassen uns überraschen. Im Moment trägt noch alle Kosten das Tierheim durch Spenden. Alle diese Tiere haben unglaubliche Lebensumstände hinter sich und suchen jetzt ein neues Zuhause, wo sie lernen können, ein normales "Familienleben" in sauberer Umgebung mit geregelten Tagesabläufen, weit weg von Schuppenverschlägen und verdreckten Räumen zu führen. Ich finde, sie alle haben eine Chance verdient. Und doch bleibt da immer noch diese eine Frage: Warum mussten die Tiere solange warten, bis man ihnen half? Hat es niemanden gestört unter welchen Umständen die Vierbeiner und ihr Herr vegetierten? Offensichtlich nicht, traurig.