Bernys letzter Weg

Es war im Frühsommer 2006, als wir zu einer Zwingerauflösung hinter Kempten gerufen wurden. Sechs ausgediente Alaskan Huskys sollten in die umliegenden Tierheime umziehen. Das Alter der Hunde lag zwischen 2 und 14 Jahren. Eigentlich war nur einer 14. Und das war Berny. In einem recht mitleidserregendem Zustand saß er in seinem Zwingerverschlag und nur winzigste Wedelbewegungen seines platten, fast kahlen Schwanzes liesen vermuten, daß er sich über Besuch freute. Die anderen, jüngeren Hunde hatten alle Pfoten voll zu tun, unsere Aufmerksamkeit zu erregen und Zuspruch zu finden. Wie das so ist, wollte kein Tierheim den alten Hund wirklich aufnehmen, da die Vermittlungschance eines so alten, immer nur Zwingerhaltung gewohnten Hundes nahezu unmöglich ist und die absehbaren Tierarztkosten immens. Aber unsere Hundtrainerin Marion und ich konnten nicht wirklich an ihm vorbei gehen. Eigentlich hatten wir vom Vorstand nur die Genehmigung für einen Hund zur Übernahme erhalten, aber nach einigen Diskussionen und Telefonaten hatten wir ein paar willige Spender gefunden, die uns eine Kostenübernahme für die ersten Tierarztbesuche versprachen. Also nahmen wir Berny und Champ zusammen mit. Allein das war schon ein Erlebnis, denn Schlittenhunde, die ihr Leben nur mit ziehen am Geschirr verbracht haben nun an der Leine mit zu führen, bedarf viel Geduld und Standfestigkeit.

Um ehrlich zu sein, hatten wir nicht die Hoffnung, daß wir Berny sehr lange bei uns haben würden. Marion und ich waren uns einig: Die paar Wochen oder Monate, die der Hund noch hat, soll er so schön wie möglich bekommen. (Vielleicht gibt das einen Einblick in den aktuellen Zustand des Hundes bei Übernahme) Wir wollten die offenen Liegestellen, die Bisswunden und die Geschwüre behandeln lassen und wenn seine Zeit in Kürze gekommen wäre, würden wir ihn erlösen. Er sollte noch ein paar schöne Monate im Sommer bei uns verbringen dürfen...

Noch heute witzeln wir gemeinsam über unsere Vermutung, ein paar Wochen oder Monate Gutes zu tun. Denn als Berny sich bei uns eingelebt hatte, blühte er noch Mal so richtig auf. Seine Blessuren wurden behandelt und verheilten sehr gut. Er bekam hier und da Leckereien von Allen, die ihn besuchten. Und Frau Edith Kopf trat in sein Leben! Frau Kopf kam jeden Tag, bei Wind und Wetter und ging mit ihm lange Touren spazieren, was sicherlich kein Zuckerschlecken war, denn richtig Leine-Laufen hat Berny dann doch nicht mehr gelernt. Es war mehr ein Zick-Zack-Hindernis-Ausweich-Eiertanz, den man mit Berny an der Leine aufführen musste. Aber er gewöhnte sich daran auch mit Geschirr nicht "volle Power" zu laufen, sondern doch dann und wann auf seinen Menschen, den er brav hinterher zog zu warten. Freilauf war leider dank ausgeprägtem Jagdtrieb nicht möglich, aber er genoß die Augenblicke an der 30-Meter-Laufleine im Feld, mal wieder ein bisschen Gas geben...

Doch seine fortschreitende Arthrose und Hüftgelenksschaden machten ihm das Leben das letzte halbe Jahr recht schwer. Seine Augen wollten nicht mehr so, das rechte Auge wurde ganz blind. Sein Gehör funktionierte auch nicht mehr so ganz. Aber die Nase, die Nase war super in Ordnung!

Als dann die Medikamentierung gegen die Schmerzen nicht mehr ausgereicht hätte, um ihm sein Gnadenbrot angenehm zu gestalten, machten wir uns mit Berny auf, zu seiner letzten Reise, über die Regenbogenbrücke. Den Kopf auf meinem Schoß liegend ging er seinen letzten Weg friedlich und, ich glaube sogar ein bisschen zufrieden, weil er die letzte Zeit, die er hatte, doch noch ein bisschen genießen konnte. Wir hoffen es zumindest.